„Wir müssen über einen Kaiserschnitt sprechen…“. Das waren die Worte, die mich in meinen persönlichen Tiefpunkt der Schwangerschaft stürzten (mehr dazu hier). Nun sollte also auch ich keine natürliche Geburt erleben dürfen. Auch ich würde zu den Betroffenen gehören, die ich während meiner Schwangerschaft still bemitleidete. Statt dem vorgesehenem Ende der Schwangerschaft stand plötzlich die Kaiserschnitt-Schande wie ein Elefant im Raum.

Nein, eine natürlich Geburt war für mich lange Zeit unvorstellbar. Zu viele Geschichten und Bilder voller Schmerz und Blut herrschten in meinem Kopf. Doch mit der Schwangerschaft änderte sich alles. Die Angst vor den Qualen der Wehen und die Vorstellung vor den Vorgang der Geburt selbst wischen schlagartig zu einer respektvollen aber keinesfalls ablehnenden Haltung. Doch dabei blieb es nicht. Im Laufe der Schwangerschaft wurde aus Respekt Neugier und aus Neugier schließlich Vorfreude. Ja, ich habe mich auf die natürliche Geburt gefreut! Ich war vollkommen bereit, alles zu erleben und durchzustehen. Komme, was wolle! Ich hatte fast neun Monate alles erlebt, was zu einer Schwangerschaft eben dazu gehörte. Ich habe die anfängliche Übelkeit, die kaum erklärbaren hormonell bedingten Heulanfälle, die körperliche Veränderung mit all den bleibenden Makeln und letztlich die anderen zahlreichen Beschwerlichkeiten der letzten Wochen überstanden. Nun wollte ich diese intensive Phase meines Lebens auch so beenden, wie es sich eben gehörte. Als der Kaiserschnitt nach und nach unausweichlicher wurde, begann die „Kaiserschnitt-Schande“ meine Gedanken zu beherrschen. Die Enttäuschung um den Verlust der natürlichen Geburt wurde von schweren Selbstzweifel begleitet. Ich fühlte mich wie eine Versagerin. Ich war nicht in der Lage, ein Kind auf normalen Wege zur Welt zu bringen. Ich konnte nicht, was man als Mutter eigentlich können sollte. Ich hatte als Mutter versagt, bevor ich überhaupt Mutter war. Es ist schwer Außenstehenden zu erklären, warum ich den bevorstehenden Kaiserschnitt als derartige Last empfand, doch erfuhr ich schnell, dass ich mit meinen Gefühlen längst nicht alleine war. In zahlreichen Foren berichten ebenfalls betroffene Mamas vom gleichen Gefühl der Schande. Doch sind Kaiserschnitt-Mamas dadurch wirklich weniger Mama? Natürlich nicht. Vielleicht sind sie es sogar ein wenig mehr. Denn mit dem Kaiserschnitt lernen wir bereits vor der Geburt, was alle Mütter mit der Geburt lernen müssen – Selbstlosigkeit. Es zählt nicht, wie man sich selbst die Geburt vorstellt. Es zählt auch nicht, was als normal und natürlich bezeichnet wird oder was eben nicht. All das ist völlig egal. Es zählt lediglich, was das Beste für das Kind. Die Entscheidung zum Kaiserschnitt ist also keine Entscheidung gegen die Qualen einer natürlichen Geburt. Es ist eine Entscheidung für das Mutttersein.

Und als wollte Levi mir ein erstes Geschenk bereiten, blieb mir zumindest die Geburt nach Termin erspart. Anders als erwartet passierte vier Tage vor dem vereinbarten Kaiserschnitt-Termin  etwas seltsames. Am Nachmittag machte sich plötzlich ein unbeschreibliches Gefühl in mir breit. Nervosität, Übelkeit, und unendliche Freude erfüllten mich. Und mit dem Gefühl kam die unerklärliche Gewissheit „Es ist soweit“. Wenige Stunden später setzten am Abend tatsächlich erste zaghafte Wehen ein. Wie Wellen durchliefen sie meinen Körper. Sie begannen im oberen Rücken, bäumten sich im Unterleib auf und liefen in den Oberschenkel aus. Mit steigender Intensivität der Wehen stellte sich dann auch eine Regelmäßigkeit ein. Hierfür brauchten wir keinen Geburtsvorbereitungskurs, um den Ernst der Anzeichen zu erkennen. Doch gerade als wir den Entschluss fassten, mit der bereits gepackten Tasche das Krankenhaus aufzusuchen, verschwanden die Wehen nach und nach und tauchten über Nacht nur noch sporadisch auf. Am nächsten Morgen zur geplanten, letzten Vorsorgeuntersuchung zeigten sich im CTG  bereits die klassischen Wellen. Es sollte also wirklich losgehen. Anders als geplant, fuhren wir nach dem Termin nicht zu unserem letzten Frühstück zu Zweit, sondern auf direkten Weg ins Krankenhaus für unsere erste Begegnung zu Dritt. Von hier verlief alles wie in Trance. Nach einem erneuten CTG, kam die wirklich unangenehme Spinalanästhesie. Und bevor ich überhaupt realisierte, dass ich nun wirklich den von mir verachteten Kaiserschnitt bekam, erklang bereits nach unglaublichen drei Minuten Levis erster Schrei. Und so hießen wir unseren kleinen Schatz auf der Welt willkommen. Der Kaiserschnitt und all die Gedanken darum waren von da an vergessen.